Nach einem Besuch und einer Führung in den Konzentrationslagern Auschwitz und Birkenau in Polen gehen mir verschiedenste Dinge nach. Vieles habe ich bereits über den Holocaust, über die unvorstellbaren Sinnlosigkeiten und Verbrechen der Nazis gehört, gelesen und auch gesehen. Aber die „Zentrale des Wahnsinns“ aus unmittelbarer Nähe zu erleben, hat mit mir noch einmal etwas anderes gemacht: Ich fühle mich viel unmittelbarer betroffen von der industriellen Vernichtung und den Methoden der Nazis. Es hat mich vieles als eine Art „Prasselregen“ erreicht. Ich meine damit, dass es mir nicht möglich war, die Liter an Regenwasser (Information, Grauen, Betroffenheit) auf einmal in mein Erdreich der Gefühle einzulassen. Manches muss erst sickern. Eine Art, dies zu verarbeiten ist für mich, Eindrücke aufzuschreiben, in Wörtern, die man auch Gedichte nennen kann. Hier ein Versuch:
Gedicht „Auschwitz-Birkenau I“
Auschwitz
Menschen
Menschen?
Menschen!
Zyklon B-Kieselsteine, werden warm, zu Gas, vernichten billig und wirksam
Juden, Andersdenkende, Widerständler, Polen, Tschechen, Deutsche, Franzosen, Ungarn
4 Häftlinge auf 1 Quadratmeter
In Stehzellen ohne Tageslicht
Notdurft
Überlebenszeit maximal 6 Monate
Hunger
Regen
Schnee
Kälte
Nackt
Nackt?
Nackt!
Erschießung ohne Grund
Sippenhaftung
Gefängnis im Gefängnis
Ohne Widerstand?
Nein
Geflohen, Erschossen, Gehenkt
Die Haare zu Jackenfutter verarbeitet
Goldzähne werden zum Reichsschatz
Schuld?
Wer ist schuld?
Wo war Gott?
Einmal Duschen in 5 Monaten
Krankheit ist ein Todesurteil
Apell, stundelang
Bei jedem Wetter
Und nach harter Arbeit eines Nazis
Spielt das Judenorchester auf
Tief berührt von der Musik
Schreitet er gestärkt nächsten Tag zur Tötung
Und dann am Abend zurück in die Villa
Um sich zu erholen von der schweren Last
Der Vernichtung.
Menschen
Menschen?
Menschen!


