„Höre, Israel! Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft.“ Diese Worte finden wir in der Tora, dem ersten Teil der hebräischen Bibel, zugleich dem Anfang der christlichen Bibel (Buch Deuteronomium 6,4-5). Sie stellen den Kern des jüdischen Glaubensbekenntnisses dar.
Der Jude Jesus von Nazareth kannte die Heilige Schrift seines Volkes genau. Er verband dieses Gebot der Gottesliebe mit einem weiteren: Dem Gebot der Nächstenliebe, das zweigeteilt und in der Tora so formuliert ist: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Buch Levitikus 19,18)
An vielen Stellen im Neuen Testament ist nachzulesen, wie Jesus seine Freunde und Gegner auf diese beiden jüdischen Gebote hinweist. „Handle danach und du wirst leben“, sagt er einem Gesetzeslehrer, der ihn auf die Probe stellen will (Lukas 10,28).
Darf ich mir das also so einfach vorstellen, wie es sich anhört?
Ich möchte mit einem provokanten „Ja“ antworten. Denn die Evangelien, die sich – sehr vereinfachend – auf diese beiden Gebote reduzieren lassen, sind, was sie sind: Gute Nachricht. Die Schreiber dieser Guten Nachrichten waren Feuer und Flamme für die Sache Jesu. Keinen anderen kannten sie, der so in Gott und den Menschen verwurzelt war, wie er. Keinem anderen glaubten sie wie ihm. Keiner sprach mit Gott wie mit einem Vater und liebte die Menschen so wie er. Nur Jesus lebte ihnen Gottesliebe und Nächstenliebe so vor, dass sie selbst Feuer fingen und zu schreiben begannen.
Wenn ich ein Bild finden müsste für dieses Paar – Gottesliebe und Nächstenliebe – dann wohl am ehesten das eines gut verwurzelten Baumes. Die Wurzeln geben dem Baum Halt, widersetzen sich Wind und Sturm und nähren Äste, Blätter und Früchte. Es ist für mich das Sinnbild für Menschen, die sich nicht so leicht aus der Bahn werfen lassen. Menschen, die aus dem Erdreich (Bild für Gottes Liebe) die Kraft für sich und ihre Mitmenschen schöpfen. Eine solche Verwurzelung in der Liebe Gottes macht fähig, diese Liebe weiterzuschenken. Ausdrucksformen dafür gibt es unendlich viele. Ein Lächeln, ein Wort, eine Tat – der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.
In Zeiten, in denen Islam, Judentum und Christentum gegeneinander ausgespielt werden und oft als sich feindlich gegenüberstehend dargestellt werden, sollte an dieser Stelle ein Hinweis nicht fehlen: Gottesliebe und Nächstenliebe sind der Kern dieser drei Religionen. Das, was Menschen veranlasst, Gewalt anzuwenden, ist nicht die Religion oder der Glaube. Es sind jene Menschen, die Religion für politische Zwecke missdeuten und missbrauchen.









































