Archiv für die Kategorie ‘Leid’

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Immer gleich, und doch anders

2. November 2010

Ein Fotoalbum. Menschen staunen beim Anblick ihrer äußeren Veränderung. Vom Kind zum Mann oder zur Frau. Menschen bleiben gleich, die Identität umfasst die Person von der Zeugung bis zum Tod. Und trotzdem passiert ständige Veränderung. Kinder erleben sich und die Welt anders als Erwachsene. Und jeder Mensch erlebt das, was um ihn herum passiert, wiederum anders. Fragen sie 20 Menschen, die ein Theaterstück gesehen haben, was sie erlebt haben. Das wird 20 verschiedene Antworten erzeugen.

Unser Leben ist in erster Linie Veränderung. Und zwar in vielfacher Hinsicht. Im Laufe der Zeit verändern sich Körpergröße, Haarfarbe, Geruch, Ausdünstung, Hautfarbe und –form, Gesichtszüge, Lachfalten. Auch innen ändert sich einiges. Organe altern, Gelenke nutzen sich ab, Muskel bauen sich auf oder ab.

Neben dem, was sich körperlich tut, verändert sich vor allem auch unser Intellekt, unser Gemüt, unsere Einstellung zum Leben, unsere Haltung uns selbst gegenüber, den Menschen und den Dingen um uns herum. Es ändert sich auch, woran wir glauben.

Das provoziert die Frage nach dem Gleichbleibenden, der Kontinuität. Wenn sich ohnehin alles ändert, was bleibt dann eigentlich gleich? Ich kann diese Frage nur für mich selbst beantworten. Mein Kontinuum ist Gott. Würde man mich fragen, ob sich denn mein Gottesbild nie verändert hat, ob mein Glaube immer gleich geblieben ist, müsste ich trotzdem verneinen. Mein Gottesbild und mein Glaube ändern sich jeden Tag, müsste ich ehrlicherweise sagen. Nicht immer ganz bewusst, nicht immer in eine Richtung, die gut ist, aber trotzdem: Mein Gott ist jeden Tag anders.

Warum ist sie dann trotzdem das Gleichbleibende in meinem Leben? Das, was gleich bleibt, ist, dass sie da ist. Dass sie mit geht. Dass sie mit lacht, hüpft, tanzt, trauert und weint. Dass sie mit mir wütend ist, mit mir dem Leben den Frust ins Gesicht schreit. Und dann wieder einfach mit mir spazieren geht, Rad fährt und unterrichtet. Gott ist da. Sie liebt mich auf eine ganz besondere Weise. Manchmal so, dass ich nicht einmal weiß, ob sie da ist oder mir auch nur zuhört. Manchmal so, dass sich ausgehend von meinem Herzen Wärme im ganzen Körper verbreitet. Und das Schönste daran ist: sie ist jeden Tag neu. Sie verändert sich, sie ist dynamisch. Manchmal ist Gott für mich auch ein Mann, oder ein Baum, an dem ich mich anlehnen und festhalten kann.

„Du bist wirklich ein Spinner! Du lebst in einer Phantasiewelt!“, höre ich manche vor meinem inneren Ohr sagen, die mit Gott so gar nichts anfangen können. Für mich eines der schönsten Komplimente. Denn bei weitem nicht alle Menschen können von sich sagen, dass sie in einer Welt leben, in der sie sich wohl fühlen. Ich möchte die Ansage Jesu, von den Kindern zu lernen, auch so verstehen, dass ich von den Kindern lernen darf, in einer Art Phantasiewelt zu leben. Das ist keine andere Welt als die Welt, wie sie uns in den Fernseh-Nachrichten vor Augen geführt wird. Es gibt nur diese EINE Welt, nur diese eine Wirklichkeitt. Aber jede und jeder erlebt sie anders. Ich erlebe sie bei all den Härten und Kälten, die mir unterstellt werden und täglich begegnen, als eine glückliche, zufriedene und lustvolle Welt.

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Religious Art – Vom Ernst der Nachfolge

5. September 2010

Evangelium vom Sonntag, 5. September 2010: Lk 14,25-33

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Vom Ernst der Nachfolge

4. September 2010

Evangelium zum Sonntag 5. September 2010, Lk 14,25-33

Viele Menschen begleiteten ihn; da wandte er sich an sie und sagte:
Wenn jemand zu mir kommt und nicht Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar sein Leben gering achtet, dann kann er nicht mein Jünger sein. Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein. Wenn einer von euch einen Turm bauen will, setzt er sich dann nicht zuerst hin und rechnet, ob seine Mittel für das ganze Vorhaben ausreichen? Sonst könnte es geschehen, dass er das Fundament gelegt hat, dann aber den Bau nicht fertig stellen kann. Und alle, die es sehen, würden ihn verspotten und sagen: Der da hat einen Bau  begonnen und konnte ihn nicht zu Ende führen. Oder wenn ein König gegen einen anderen in den Krieg zieht, setzt er sich dann nicht zuerst hin und überlegt, ob er sich mit seinen zehntausend Mann dem entgegenstellen kann, der mit  zwanzigtausend gegen ihn anrückt? Kann er es nicht, dann schickt er eine Gesandtschaft, solange der andere noch weit weg ist, und bittet um Frieden. Darum kann keiner von euch mein Jünger sein, wenn er nicht auf seinen ganzen Besitz  verzichtet.

Gerade vor ein paar Tagen habe ich in dem christlichen Magazin „Publik Forum“ den Artikel des 1988 geborenen Steve Henkel gelesen. Er studiert Evangelische Theologie in Bonn und ist enttäuscht von TheologInnen und Gläubigen, die zwar vom Evangelium reden, aber den Ernst der Sache verkennen, wie es ihm, und auch mir, scheint. „Ich kann und will mir keine Kirche vorstellen, in der immer alles nett und kuschelig ist“, meint Henkel. Und ehrlich gesagt, eine „nette und kuschelige“ Kirche, das widerspricht auch meiner Wahrnehmung dessen, was Jesus denen zumutet, die ihm nachfolgen wollen.

Das heutige Evangelium „Vom Ernst der Nachfolge“ führt uns vor Augen, wie „ernst“ es werden kann. Im Extremfall ist die Familie und das eigene Leben sogar gering zu achten. Und hier geht es nicht um den übertragenen Sinn, sondern was hier gemeint ist, haben uns Menschen wie Dietrich Bonhoeffer und Franz Jägerstätter, und natürlich die Tausenden davor, vor Augen geführt. Alle, die dem Beispiel Jesu gefolgt sind und der Wahrheit durch die Hingabe des eigenen Lebens zum Durchbruch verholfen haben. Das ist die eine Seite des „Ernstes“. So wie die Träne aber Symbol der Trauer als auch der Freude ist, so ist es auch das Kreuz.

Die zweite Seite des von Jesus geforderten „Ernstes der Nachfolge“ ist die unübertroffene Freude der Auferstehung. Der Tod ist nicht das Ende. Das letzte Wort ist nicht der Tod, sondern das Leben. Und zwar nicht irgendein Leben, sondern das Leben mit Gott, das Leben in Fülle. Und es gibt kaum Menschen, die nicht schon an irgendeinem Punkt im Leben erleben konnten, wie nahe Leid und Freude beisammen liegen. Und deshalb werden die Erkenntnisse vom „Ernst der Nachfolge“ auch niemals veralten. Weil sie im Wesen des Menschen verankert sind. Freilich, es ist schon lohnend, die Geschichte von Kreuz und Auferstehung immer wieder in eine verständliche Sprache zu kleiden. Aber das Kreuz aus der Rede vom Evangelium zu streichen, wäre fatal. Denn wer Jesus im „Kuschelkurs“ nachfolgen will, folgt einer Götze nach.

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Auschwitz Birkenau

19. Mai 2010

Deutschsprachige Gedenktafel in Birkenau

Nach einem Besuch und einer Führung in den Konzentrationslagern Auschwitz und Birkenau in Polen gehen mir verschiedenste Dinge nach. Vieles habe ich bereits über den Holocaust, über die unvorstellbaren Sinnlosigkeiten und Verbrechen der Nazis gehört, gelesen und auch gesehen. Aber die „Zentrale des Wahnsinns“ aus unmittelbarer Nähe zu erleben, hat mit mir noch einmal etwas anderes gemacht: Ich fühle mich viel unmittelbarer betroffen von der industriellen Vernichtung und den Methoden der Nazis. Es hat mich vieles als eine Art „Prasselregen“ erreicht. Ich meine damit, dass es mir nicht möglich war, die Liter an Regenwasser (Information, Grauen, Betroffenheit) auf einmal in mein Erdreich der Gefühle einzulassen. Manches muss erst sickern. Eine Art, dies zu verarbeiten ist für mich, Eindrücke aufzuschreiben, in Wörtern, die man auch Gedichte nennen kann. Hier ein Versuch:

Gedicht „Auschwitz-Birkenau I“

Auschwitz
Menschen
Menschen?
Menschen!
Zyklon B-Kieselsteine, werden warm, zu Gas, vernichten billig und wirksam
Juden, Andersdenkende, Widerständler, Polen, Tschechen, Deutsche, Franzosen, Ungarn
4 Häftlinge auf 1 Quadratmeter
In Stehzellen ohne Tageslicht
Notdurft
Überlebenszeit maximal 6 Monate
Hunger
Regen
Schnee
Kälte
Nackt
Nackt?
Nackt!
Erschießung ohne Grund
Sippenhaftung
Gefängnis im Gefängnis
Ohne Widerstand?
Nein
Geflohen, Erschossen, Gehenkt
Die Haare zu Jackenfutter verarbeitet
Goldzähne werden zum Reichsschatz
Schuld?
Wer ist schuld?
Wo war Gott?
Einmal Duschen in 5 Monaten
Krankheit ist ein Todesurteil
Apell, stundelang
Bei jedem Wetter

Zaun im Lager Birkenau - gefangen und der Vernichtung ausgeliefert

Und nach harter Arbeit eines Nazis
Spielt das Judenorchester auf
Tief berührt von der Musik
Schreitet er gestärkt nächsten Tag zur Tötung
Und dann am Abend zurück in die Villa
Um sich zu erholen von der schweren Last
Der Vernichtung.
Menschen
Menschen?
Menschen!

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Predigtgedanken zum Gründonnerstag 2010

1. April 2010

Lesung: Ex 12,1-8.11-14
Evangelium: Joh 13,1-15

Heute am Gründonnerstag oder „Hohen Donnerstag“, wie er auch heißt, feiern wir die Messe vom Letzten Abendmahl, die bereits zum Triduum Sacrum, zu den drei österlichen Tagen gehört. Während dieser drei Tage hin auf Ostern verdichtet sich die Quelle des Christentums: Mahl, Leiden und Sterben, Auferstehung.
In diesen drei österlichen Tagen versuchen wir nachzuvollziehen, was den Kern unseres Glaubens ausmacht. Das Leiden und Sterben Jesu des Karfreitags verweist uns auf die Tief- und Tiefstpunkte in unserer eigenen Biografie. In der Osternacht werden wir auf den Durchbruch der immer größeren Liebe Gottes, die sich auch in uns, mit uns und durch uns durchsetzt, verwiesen. Der heutige Gründonnerstag könnte für uns die Möglichkeit sein, die Gegenwart Jesu im sogenannten „Alltag“ wahrzunehmen.

Wieso „Alltag“, wo doch ein Mahl im Angesicht des Todes alles andere als „alltäglich“ ist?
Ich meine, weil es um die Feier des Abendmahles geht, das für Christinnen und Christen seit 2000 Jahren zum „Alltag“ gehört. Die auffordernden Worte Jesu „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ blieben nicht ungehört. Im Gegenteil: Aus dem gemeinsamen Mahl lebt jede christliche Gemeinde, auf der ganzen Welt. Gemeinsam Mahl zu halten, wie wir in der Lesung aus dem Buch Exodus gehört haben, ist eine zentrale und eine kultivierte Form der Gemeinschaft und der Kommunikation, die sehr alt ist und nicht zuerst im Ersten Testament der Bibel bezeugt ist. In vielen Religionen hat das „Mahl halten“ Tradition und in jüngster Zeit findet auch die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema Essen und Trinken vermehrt statt. Die letzte Landesaustellung hieß „Mahlzeit“, in der Theologie wird vermehrt über die Bedeutung des Mahles, von Brot und Wein nachgedacht. Alles Indizien dafür, dass wir es mit einer menschlich höchst bedeutsamen Handlung zu tun haben, wenn wir vom Mahl sprechen.

Auch für Buddhisten, Hindus und besonders für Juden, unsere älteren Geschwister im Glauben, hat die Feier des Mahles eine besondere Bedeutung. Was also ist das Besondere am christlichen Abendmahl?
Den entsprechenden Hinweis finden wir im Evanglium: Jesus erwies „ihnen seine Liebe bis zur Vollendung“. Er erledigte die Aufgabe eines Dieners, der seinen Gästen die Füße wusch. Das ist ganz und gar nicht alltäglich, aber doch die Aufforderung, die unseren Alltag vom Kern her durchdringen will.

In den letzten Tagen und Wochen war viel von Missbrauchsfällen in der Kirche die Rede. Die einzelnen Personen, die hier kirchlich geliehene Autorität missbraucht haben, bekennen sich zu ihrer Schuld, die bei den Opfern oft lebenslängliche Schäden angerichtet hat. Ich will nicht die Schuld kirchlicher Personen der Liebe Jesu gegenüberstellen. Das wäre zu einfach. Aber gerade in diesen drei österlichen Tagen soll auch erwähnt werden, dass der Alltag, auch der kirchliche Alltag, nicht nur Liebe und Vollendung ist. Wenn wir vom Mahl und der Gemeinschaft in der Kirche sprechen, von der Liebe Jesu, dann denken wir zu Ostern auch an die Tief- und Tiefstpunkte in unserer Biografie. Es gibt sie. So wie bei jenen ersterwählten Jüngern, mit denen Jesus sein letztes Mahl zu sich genommen hat. Alles Menschen wie du und ich, alles Menschen mit Kerben und Narben im Lebensholz.

Betrachten wir die Gemeinschaft Jesu mit seiner Kirche und seine Gegenwart unter uns als eine Schicksalsgemeinschaft: Wir dürfen den Alltag mit Gott verbringen, wie wir auch unsere Hoch- und Tiefzeiten getrost in die Hände Gottes legen dürfen. Folgen wir dem Beispiel Jesu, der seinen Alltag mit Gott verbracht hat: Im Fröhlich sein, im Mahl halten, im Leiden, im Sterben und in der Auferstehung. Amen.

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Atheismus – Leben ohne Gott

28. Februar 2010

Ein Leben ohne Gott…
…wäre für mich wie Sonnenbaden im Nebel – eine verstellte Sicht, getrübte Lebensfreude, ein Hauch von Sinnlosigkeit, Sprechen gegen eine Wand. Es gibt viele Möglichkeiten, das auszudrücken. Atheismus – eine Weltanschauung, die ohne Gott auskommt. Viele AtheistInnen glauben nicht an Gott, weil man sie/ihn nicht beweisen kann. Ist Wasser nass? Ist grün eine Farbe? Ist Gott jemals jemandem begegnet?

Im physikalischen oder mathematischen Sinn wird sich Gott nicht beweisen lassen. Auch die vielen philosophischen Gottes-„Beweise“ werden wahrscheinlich nur wenige Menschen in Berührung bringen mit dem Urgrund des Lebens – Gott. Es stimmt, man kann ein guter Mensch sein, ohne an Gott zu glauben. Die „Fülle des Lebens“ wird aber nur die/der erfahren, die/der in Berührung oder Tuchfühlung mit dem letzten Geheimnis der Menschheit ist.

„Wie geht denn das?“ wird sich vielleicht eine Atheistin/ein Atheist fragen. Und wirklich, das ist eine gute Frage! Antworten dürfte es wohl soviele geben, wie es Sterne gibt am Himmel. Die Wege zu Gott sind vielfältig. Manche Menschen finden zu der Urkraft des Lebens durch Leid und durch durchlebte Krankheiten. Andere begegnen ihm in den Worten der Bibel. Wieder andere kommen mit Gott in Kontakt, in dem sie in Stille wahrnehmen, was ist: Geschaffenes, Gewolltes, Geliebtes. Viele Menschen erleben die Nähe Gottes in Momenten des Glücks und der Freude. Ist das wirklich Gott? Oder doch nur Selbstbetrug, Suggestion, Wirklichkeitsverweigerung?

Einmal, wenn unser irdisches Leben zu Ende geht, werden wir eine Antwort erhalten auf so manche Frage, die uns jetzt beschäftigt. Vielleicht auch eine auf die Frage nach dem Leid – wenn doch Gott ein liebender ist.

Gott, wenn ich mein Leben zurücklege in deine Hand, erfülle meine letzte Sehnsucht nach Sinn! Lass mich immer wieder neu erfahren, wie gut deine Gegenwart tut. Lass mich nicht irr werden in den Situationen der Sinnlosigkeit und Trostlosigkeit. Stärke mich durch Menschen, die mit mir auf dem Weg und auf der Suche sind.

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Verzwickt, vertrackt und sowieso…

19. Februar 2010

Verzwickt… nicht lachen und nicht weinen dürfen
Vertrackt… kein vor und kein zurück mehr möglich
Und sowieso… alles nicht so einfach wie es scheint
Was wird nur aus mir?
Werd ich das jemals schaffen?

Gelöst… die Gelassenheit zurückgewonnen
Entspannt… manche Dinge entwirren sich von selbst
Und sowieso… die Kraft in den Poren spüren
Alles anders?
Nur eine Frage der Perspektive?
Du bist geliebt!

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